Hier möchte ich ihnen in unregelmäßigen Abständen unterschiedliche Texte zur Arbeit am Atem vorstellen.

Ich wünsche Ihnen besinnliche Momente und viel Freude!

 

Das erste, was zu lernen ist, ist der Atem (Buddha)

Vortrag von Herta Richter, gehalten am 23.1.2000 in St. Moritz

Zuerst will ich erwähnen, wie glücklich ich mich schätze, noch eine Atemschülerin von Dr. Schmitt zu sein. Ich durfte in langen Jahren während meiner Studienzeit ihm in seiner Arbeit zuschauen, in der Praxis und in der Klinik. Ich durfte sehr viele seiner berühmten Atem- Massagen am eigenen Leib zu meinem eigenen Wohl und Wachsen erfahren. Viele therapeutische Gespräche durfte ich miterleben, die mir später in meiner eigenen Arbeit von unschätzbarem Wert waren und immer noch sind. In dieser Zeit habe ich auch den Aufbau der Firma Jukunda nach dem Krieg erlebt, wie es von ganz klein begonnen hat, nachdem die Firma Kundalini - so hieß sie früher - in Berlin ausgebombt war. Die damalige Leiterin und Seele des Betriebs, Frau Petri, hat zusammen mit Dr. Schmitt mit ungeheurem Fleiß und großer Hingabe in Gräfelfing in kleinsten Räumen wieder begonnen. Eine lange Zeit ist seitdem vergangen und ich sehe mit Bewunderung, wie die Firma Jukunda sich auch nach Dr. Schmitt`s Tod inzwischen 37 Jahre gehalten hat, gewachsen ist, sich verändert hat mit der Veränderung der Zeit - und steht. Aus diesem Erleben heraus bin ich mit der Reformhaus-Bewegung innerlich von früh an verbunden. Ich möchte noch eine kleine Geschichte erzählen, von der die Älteren unter Ihnen vielleicht noch wissen, und für die Jüngeren und Jungen ist sie wie ein Zeichen des Mutes, der Fantasie und Tatkraft: Dr. Schmitt gründete in der Zeit nach dem Krieg, als es nicht zu essen gab, eine kleine Vereinigung „Ernährung aus dem Walde“. Es gab viele Leute, die keine Arbeit hatten und gern in den Wald gingen, die Früchte zu sammeln. Der Initiator wurde von manchen belächelt. Und doch war es auch wie ein Fanal; er wollte sagen: Gebt nicht auf! Es gibt immer einen Weg aus der Not. Und: Wie reich ist unsere Natur! Wir müssen nur zu ihr gehen. Bevor ich zum eigentlichen Thema komme, möchte ich noch kurz davon sprechen, wieso ich letztendlich eingeladen wurde zu dieser Tagung: Ich habe seit mehr als 30 Jahren in München eine Heilpraxis, in der ich mich immer mehr spezialisierte in Atemtherapie. Das kam aus dieser frühen Begegnung mit dem „Atem-Schmitt“. Natürlich kamen mit der Zeit auch andere Einflüsse dazu. Das ist ja selbstverständlich. Und so bildete sich allmählich mein eigener Stil nach meinem gewachsenen Verständnis heraus. Inzwischen leite ich seit langen Jahren Ausbildungen, die im sog. „Atemhaus München“ stattfinden. Wir sind eine vom Dachverband autorisierte Atemschule: ich arbeite mit insgesamt sechs Mitarbeiterinnen. Wir bilden aus in Atembehandlung, Atem-Massage, Gruppenarbeit; wir arbeiten an der Stimme, an der Haltung und Bewegung. Das Ziel dieser Ausbildung ist, dazubegabte Menschen zu Atemtherapeuten oder Atempädagogen heranzubilden. Es ist ein sehr schöne und erfüllende Arbeit und wir tun unser Bestes, unseren Schülern in den 5 Jahren der Ausbildung das hierfür nötige Wissen, aber vor allem auch das nötige Empfinden und Bewusstsein mitzugeben für ihren eigenen Atem. Ja, und so komme ich heute zu der Ehre und Freude, zu Ihnen über den Atem zu sprechen. Dass dies gerade an einem Ort wie St. Moritz sein darf, finde ich schon deshalb wunderbar, weil wir hier wirklich nur unsere Nasen öffnen müssen, wenn wir draußen in der Winterluft wandern und die Luft wie Sekt uns belebt und durchdringt. Wollen wir´s so gut nutzen wie möglich! Freilich ist es wichtig, sich dieses Geschenks bewusst zu werden und es so zu nehmen. Nun zu unserem Thema: Das erste, was zu lernen ist, ist der Atem. Ich will versuchen aufzuzeigen, wie nah sich unsere Anliegen begegnen und treffen. Und wa-rum es auch so gut ist, dass wir uns treffen und begegnen und so voneinander lernen, unseren Gesichtskreis auszuweiten in Hinsicht auf unser persönliches Wachstum. Der Atem ist älter als wir. Er gleitet durch unseren Leib wie durch ein Instrument, das er zum Klingen bringt. Aber niemand weiß, woher er kommt und wohin er führt. Alles Lebendige hat mit dem Atem begonnen, auch der Mensch. Der Atem greift in die eigentlichen, ununterbrochen vorgehenden chemischen Veränderungen unseres Leibes am entscheidensten ein. Er facht das Feuer unaufhörlich an, an dem unser Leben entbrennt. Er bestimmt den Grad und die Größe der Verbrauchsvorgänge, den Austausch zwischen Blut und Zellen des gesamten Organismus; er bestimmt Ernährung und Wachstum, Kraft und Möglichkeit. Ich möchte Sie nicht mit einer Erörterung der chemischen Zusammenhänge des Energiestoffwechsels heute Abend quälen. Das Eindringen in diese Zusammenhänge macht jedoch deutlich, wo wir, die Ernährungs-Reformer und die Atemlehrer ein gemeinsames Ziel haben. Die populäre Vorstellung „Ernährung = Energie“ führt manchmal zu einer Überbewertung ausreichender Versorgung des Körpers mit Energieträgern, über der die viel dringlichere Pflegebedürftigkeit eines störungslosen Sauerstoff-Nachschubs stark vernachlässigt wird. Wie aber die Kohle im Herd wertlos ist ohne die nötige Sauerstoff-Menge, d.h. einen kräftigen Zug, so ist die Nahrung im Körper wertlos ohne den nötigen Luftsauerstoff. Die Zellatmung ist der Fundamentalmechanismus, durch welchen die potentielle Energie der organischen Stoffe als kinetische Energie frei wird - und für die Arbeit der Zelle verwendbar gemacht werden kann. Der Energiestoffwechsel besitzt die zwei Seiten: neben der Ernährung die Seite der Atmung. Wir erleben, dass Menschen, die sich im Sinne neuer Ernährungserkenntnisse eine einwandfreie und ideale Ernährung zuführen, doch in ihrem Stoffwechsel unzulänglich sind. Dies mahnt da, wo man von der natürlichen Ernährung das alleinige Heil erwartet, dringend zur Vorsicht. Im Energiestoffwechsel ist sie die eine Seite von außerordentlicher Bedeutung. Die andere Seite ist die Dynamik der Atmung. Sie entscheidet über das Schicksal der Nahrungsmittel im Körper und hat auf eine optimale Verwertung dieser Nahrungsmittel einen so grundlegenden Einfluss, dass man mit Paracelsus sagen möchte: „ Wer den rechten Atem hat, kann eine halbe Sau ver-dauen.“ Es würde zu weit fuhren, auf die Zusammenhänge der Atmung mit dem Säure/Basen Gleichgewicht, dem Mineralstoffwechsel, mit den Spurenelementen näher einzugehen. Sie seien erwähnt, gerade in unserer gegenseitigen Beziehung von Ernährungs- und Atemleuten. Man unterschied in der alten Medizin: Die Heilkunst mit dem Messer die Heilkunst mit Pflanzensäften die Heilkunst mit dem Atem. Die ersten beiden galten für das Volk. Die Könige und Priester durften bei Erkrankung nur mit dem Atem geheilt werden. Die Heilung über den Atem ist für uns im weitesten Sinn der königliche Weg, die via „regia“ ! Wenn wir eine Therapie mit vollem Recht „Ganzheitstherapie“ nennen wollen, verdient sie es. Um wieder die Brücke zu schlagen zwischen unseren beiderseitigen Ansätzen zur Heilung der Menschen, möchte ich über das Thema Reinigung sprechen, ein Thema, das uns gleichermaßen angeht. In den Korintherbriefen des Paulus lesen wir: „... oder wisset ihr nicht, dass Euer Leib ein Tempel des Heiligen Atems ist, den ihr von Gott habt?“ Einen Tempel muss man rein halten, reinigen. Hier geht der Weg über die Ernährung, also die Zufuhr von reinen Stoffen, die der Körper leicht verwerten und verarbeiten kann, so dass sich keine Schlacken bilden, über das Ausleiten und das Abführen, wo es nötig ist. Eine gründliche Reinigung sollte also mit jeder Atemschulung einhergehen. Die leibliche Hygiene ist eine körperlich-seelische Hygiene. Der Leib ist in unserem heutigen Verständnis die Verbindung des Körpers mit der Seele, die da entsteht, wo der Fluss des Atems in aller Achtsamkeit zugelassen wird. Wird der Körper durch Atem und Ernährung in seiner Stofflichkeit immer duftiger, transparenter, steht er dem seelischen Empfinden und Ausdruck nicht mehr im Wege, im Gegenteil, er wird ein durchlässiges Instrument der Seele. So gesehen ist die Kunst des Fastens eine Kunst für Körper, Seele und Geist. Wir können sie ja nicht voneinander trennen. Und bei jedem Fasten sollten die Menschen sich mit ihrem Atem verbinden und den Atem üben. Ich habe in einem Gedicht von Rumi, einem mittelalterlichen Sufi-Dichter gelesen: „Es ist eine verborgene Süße in der Leere des Magens; Wir sind Lauten, nicht mehr und nicht weniger. Wenn der Klangkörper vollgestopft ist mit irgendetwas, dann gibt es keine Musik. „ Die Musik, getragen von der Schwingung des freien Atems, ja der Atem selbst. Die größte körperlich-seelisch-geistige Reinigungskraft besitzt der Atem, der uns von Gott geschenkt ist und mit ihm unser Leben und den Gott zu sich nimmt, wenn er unser Leben zurücknimmt. Ich will damit sagen, dass er uns von Anfang bis Ende des Lebens zur Verfügung steht. Wenn die körperliche Reinigung nicht in die Schwingung der seelischen Dimension dringt, bleiben wir bei der allerbesten Ernährung Materialisten. Erst nach Überwindung dieser Gefahr haben wir die Chance der Öffnung in eine geistige Reinigung und damit in Klarheit und in den Anschluss an das Göttliche. Der Atem ist ein großer Verbinder. Er lässt die Ebenen unseres Seins in ihrer Schwingung ineinandergreifen und - klingen, sich gegenseitig stärken, befreien und erkennen. Erst dann entsteht der „ganze Mensch“. Ich möchte über die Übung des Atems sprechen: Nicht wir erwecken den Atem, der Atem erweckt uns. Deshalb bestehen die ersten Atemübungen darin, zu spüren, dass wir überhaupt einen Atem besitzen. Da gibt es vielerlei Möglichkeiten, deren Scheitern uns zeigt, wie unabhängig unser Atem von unserem plumpen Willen ist. Wenn wir ihm mit grober Technik beikommen wollen, wird er sich uns nicht schenken. Da sind zwei Möglichkeiten: Entweder wir beachten ihn nicht oder wir gehen bei ihm in die Schule. Behutsamkeit und Achtsamkeit sind das erste Gebot aller Atemkunst. In entspannter Lage, abends und morgens, vielleicht im Bett, bringen wir alle Gedanken zum Schweigen und verbinden uns mit Leib und Seele mit unserem Atem. Ohne alles Wollen lassen wir ihn frei schwingen, lauschen ihm nach. Vielleicht entdecken wir, wie vergewaltigt und eingeengt er war, denn jetzt, nur im Freigeben, vertieft er sich, ganz ohne unser Zutun. Vielleicht seufzen wir, gähnen, der Atemfluss findet neue Wege. So öffnen wir uns dem Atem und geben ihm liebevoll, wie einem Gast, Raum in uns. Und dann: Welch Erleben! Sich so seinem Selbst zu übergeben, seinen Atem dahingleiten zu lassen und sich auf seinen Wogen/Wellen zu wiegen. Nichts mehr zu wollen, nicht mehr zu treiben, nicht mehr getrieben zu werden. Ruhe tritt ein: Erlösung. Wo das stattfinden kann, wird danach die Leistung der Spannung selbst-verständlich vollzogen werden. Solche Spannkraft ist das Geschenk des vorhergehenden völligen Lassens von sich und seinem Willen - durch den Atem. Nun können wir stundenlang vom Atem reden und werden wenig Gewinn davon haben, wenn wir ihn nicht am eigenen Leib erfahren. 1. Erfahrungsangebot für die Zuhörer. Drum möchte ich Sie einladen, sich jetzt mal bereit zu machen für eine Atemerfahrung. Setzen sich sich auf das vordere Drittel Ihres Stuhles, die Füße in etwas Abstand auf dem Boden, die Hände auf den Oberschenkeln. - Füße/Boden/Gesäß/Stuhl. Die Augen schließen sich, wenn möglich. Kopf neigt sich nach vorn, Nacken wird gedehnt dabei - Kopf neigt sich nach rückwärts, Hals wird etwas gedehnt. - Achtung: Kehle / Achtung: Hals- Wirbelsäule. - ganz weich in die Bewegung gehen. Beim Zurücksenken öffnet sich der Mund ein wenig. Das wirkt auf die Kehle, Rachen. Es kommt vielleicht zum Gähnen. Das kosten wir aus. Keine Hand vor den Mund! So eine Weile nachspüren. Senken Sie dann den Kopf zu einer Seite und über die Mitte zur anderen Seite. Immer wird die Gegenseite im Körper weit, die Flanken dehnen sich. Es entsteht Raum im Körperinneren. Wieder ein Gähnen? Ja? Danach kommt vielleicht ein Bedürfnis, sich zu dehnen? Dann erlauben Sie es sich, so wie es kommen will Immer noch sind die Augen geschlossen. Wir beeinflussen uns nicht durch das Schauen, wie die andern das machen. Das kommt ganz aus dem eigenen, inneren Bedürfnis. Das Dehnen ist ja die ursprünglichste Bewegung. Und dann lehnen Sie sich wieder zurück, wenn Sie wollen. In unserer Welt ist wenig Raum dafür im allgemeinen. Es ist eine Kultur des Atmens, die uns abhanden gekommen ist. Das technische, mechanische, verhetzte, fordernde Leben, die Zwänge, denen wir im täglichen Leben ausgesetzt sind, hindern uns an solcher Muße, an solchem Fragen nach uns selbst. Wir leiden unter diesen Bedingungen und sind uns meist nicht einmal bewusst, dass wir das Heilmittel gegen dieses Leiden immer in uns tragen: unseren Atem. Niemand kann sagen, er habe keine Zeit. Immer ist die Möglichkeit, in kleinen Zwischenpausen, vielleicht nur in ein paar Minuten, sich mit seinem Atem zu verbinden, ihm zu lauschen, ihm zu folgen, und so nach sich selbst zu fragen. Freilich müssen wir´s meist erst wieder lernen, haben es längst vergessen oder noch nie erlebt. Ist es nicht das Natürlichste auf der Welt „ich und mein Atem?“ Und doch geschieht es, dass Menschen, wenn sie ihre Aufmerksamkeit dahin lenken, Ängste, Bedrängnis, Herzklopfen und vieles andere bekommen. So fremd sind sie sich in ihrem inneren Geschehen. Oder aber sie fangen an, heftig zu schnaufen, gut und ordentlich zu atmen. Sind sie denn das? Aber dieses absichtslos sich dem Atem Hingeben, sich ihm zu öffnen, ihn zu lassen, das geht nicht. Und doch geschieht es erst dann, dass er uns hält und trägt und in unser Innerstes führt. 2. Erfahrungsangebot: Die Hände legen sich aneinander und wir spüren uns in dieser Berührung. Nun gibt eine Hand einen Druck in die andere, der sich löst, und dann drückt diese Hand in die erste hinein, weich, aber spürbar, ein Druck - Bleibt dieser Druck nur in den Händen oder setzt er sich fort in den Körper? Wie? Hat er eine Wirkung auf Ihren Atem? Wo? Und so machen Sie eine Zeitlang weiter. Es stellt sich ein Rhythmus ein mit der Zeit, zwischen Drücken und Lösen, der vielleicht zusammenfindet mit dem Rhythmus des Atems. Drücken - Einatmen, Lösen -Ausatmen. - Und warten auf den Impuls zum neuen Drücken. Eine Weile dabei bleiben. Wie spüren Sie die Atembewegung? Nur mal zeigen! Dann legen Sie Ihre Hände auf Ihren Leib, dahin, wo der Atem deutlich wurde in seiner Bewegung, und spüren dem Atem, der inneren Schwingung nach, verbinden sich mit ihr. Wenn wir so, ganz einfach und langsam, anfangen auf uns zu lauschen, dem Atemfluss nachzuspüren, können wir erleben, wie er uns allmählich aus unserer Fremdbestimmung und Vertriebenheit befreit zu unserem wahren Wesen, zu unserer eigenen Wahrheit oder aber uns aus unserer Unbewusstheit in bewusstes Sein führt. Wo der Atem wieder fließen kann, erkennen wir uns in unserem eigenen Rhythmus. Sie alle wissen selbst, was Rhythmus bei der Ernährung bedeutet, welche Rolle er spielt. Rhythmus, das sind nicht nur mit der Uhr in der Hand eingehaltene Zeiten, sondern ein Einschwingen der eigenen in die große kosmische Zeit. Wie ist das möglich, wenn unser eigener Lebens-, sprich in 1. Linie unser Atemrhythmus, verstellt ist? Jedes Organ hat seinen Rhythmus, aber erst durch den alle durchdringenden Atemrhythmus werden die Organe ungehindert ihre eigenen Rhythmen leben können. Die vielen Störungen, von früh an, denen wir Menschen ausgesetzt sind, werden mit der Zeit im Atem ihren Niederschlag finden. Es ist im wahrsten Sinne so, dass wir ein Stück unserer Unschuld verlieren, indem wir aus unserem eigenen Rhythmus fallen, vertrieben werden. Ihn wieder zu finden, heißt, in Geduld und Sparsamkeit sich auf den zu Weg machen von der zweiten zur ersten Natur. Manchmal ist es - vor allem in der Atembehandlung - wie ein Freischaufeln, ein allmählich Lösen von Banden, die den wahren Rhythmus, d.h. ja auch das wahre Wesen gefangen halten. Aber auch in der Übung befreit sich unser Atem und mit ihm unser Wesensrhythmus. Es ist wunderbar, zu erleben - und wir haben viel Gelegenheit dazu bei Schülern und Patienten - wie verwandelnd dieser Weg zu sich selbst, zum Wesen, durch die Befreiung des Atems wirkt. 3. Erfahrungsangebot Spüren Sie Ihre Sitzbeinhöcker! Nun lassen Sie eine kleine Schwingungsbewegung in Ihren Rumpf ein und geben ihr nach. Keine große Bewegung, keine Arbeit. Aber in der Bewegung ganz spürsam anwesend sein. So kann sie sich mit der Zeit befreien. Und Sie spüren, wie dieses Bewegen über Ihre Sitzbeinhöcker führt, um sie herum, über sie nach vorn und hinten, seitlich, diagonal, auch mal weiter hinter zum Steißbein. - Solange es Ihnen gefällt - und dann kommen Sie langsam zurück in die Ruhe, spüren der Nachschwingung nach und legen die Hände dahin, wo Sie sie spüren. Später dann legen Sie mal die Hände auf den Bauch, umstreichen mit ihnen den Nabel und lassen sie dann noch ein wenig dort liegen. Sie sammeln sich unter die Hände. Wo der Mensch wieder zu der seinem Wesen entsprechenden, vollen Kraft seines Atems gefunden hat, wird er dadurch z.B. die Organe seines Bauchraums mittels der befreiten elastischen Schwingung seines Zwerchfells und seiner Bauchmuskulatur durcharbeiten, Stauungen beheben, Blut aus den Bauchorganen und Gefäßen, den Venen, dem Herzen zuliefern, Herz und Kreislauf dadurch entlasten, die Lungen durchlüften. Viele körperliche wie seelische Störungen werden einfach verschwinden. Nur um einige zu nennen: Kopfschmerzen, Übelkeiten, Verstimmungen und Depressionen, Müdigkeit, Traurigkeit. Nicht zu vergessen: Verstopfungen, Lymph- und Venenstauungen. Regelstörungen, Rückenschmerzen u. v. m Aus der Schlaffheit der Müdigkeit wird der Mensch sich wieder aufrichten oder aus der Verkrampfung und Verspannung sich lösen und zu Schönheit, Freude am Leben und Leichtigkeit des Seins finden. Das zeigt, wie wahr der Ausspruch von R. Guardini ist: „Der Atem ist das schwingende Band zwischen Körper, Seele und Geist“, wie alle Ebenen des Menschen vom Atem erreicht und verbunden werden, wenn er schwingen darf. Daraus leitet sich das breite Anwendungsgebiet der Atemtherapie ab. Zusammengefasst möchte ich als Indikationen folgende nennen: - Psychosomatische Erkrankungen - Vegetative Dysregulationen - Erkrankungen des Respirationstrakts - Störungen und Veränderungen im Stütz- und Bewegungsapparat - Der Atem hat einen regulierenden Einfluss auf das Herz-Kreislaufsystem, den Verdauungstrakt und auf alle Drüsenfünktionen - Arbeit mit Jugendlichen, auf der Suche nach Sinn - Geburtsvorbereitung - Begleitung von Menschen auf der Suche nach ihrer Mitte - Arbeit mit Sängern, Künstlern - Der Atem ist ein Lehrer zum Leben und zum Sterben. Wo Heilung nicht mehr im Lebensplan vorgesehen ist, geht es um den Weg der Annahme, das nicht mehr Festhalten und die Verwandlung geschehen zu lassen. Auch das ist ein Atemgeschenk. Sie wissen alle, dass religiöse Übungen, vor allem in den östlichen Meditationspraktiken, an den Atem gebunden sind. Aber auch, z.B. die liturgischen Gesänge der christlich orthodoxen Kirche sind geistig-geistliche Atemübungen mit ihren langen, verbundenen Melodien, die auf dem Aus- Atem liegen und ihn stärken. Jedem, der sich innig in die Übung des Atmens versenkt, der ein Übender im Atem wird, kann das Geschenk tiefer innerer geistiger Erfahrung zuteil werden. Wo es geschieht, hat die des Atems ihre höchste Form erreicht und von hier aus wird sowohl das seelische wie das körperliche Wohlbefinden, die Harmonie zwischen den menschlichen Daseinsebenen hergestellt sein. Da kann etwas Eigenartiges geschehen. - Wir fangen oft mit den diätetischen Regeln an und werden von der Entwicklung weiter ins Seelisch-Geistige geführt. Manchmal geht es aber auch so, dass der Atem, den wir ja immer erst im Körper ansprechen können, schnell die seelischgeistige Ebene erreicht, sie in Schwingung bringt und sie zur Reife entwickelt. Und siehe da: Die Gesetze des Körpers, das Maß, der Rhythmus, das Wissen um Notwendiges und Schädliches tauchen von dieser Seite her auf. Vieles geht nicht mehr, was vorher, unbewusst, so unbedacht sein konnte, auch in der Ernährung. Es verbietet sich, weil die Empfindung, die Bewusstheit des Menschen für sich selbst sich in alle Gebiete seines Lebens ausgeweitet hat. -Nun kommt das Wissen aus ihm selbst, aus der Erkenntnis dessen, was für ihn stimmt und notwendig ist, für ihn als ganzen Menschen. Er braucht nicht mehr Verbote und Gebote, er ist für sein eigenes Leben verantwortlich und vor allem wissend geworden. Dieses Wissen kommt aus ihm selbst und macht ihn frei. 4. Erfahrungsangebot Hände aufs Gesicht, Augen, Stirn, Mund etc., ausstreichen, auch um Nase herum, lösen, spüren, wie die Luft hereingleitet, sich ausbreitet. Nur lassen, nicht wollen. Dann Hände auf Unterbauch. Luft-Nase-Atem nimmt Raum unter den Händen, der Atem verbindet Nase mit Unterbauch. Wir spüren das Einströmen, das Sich-Ausbreiten und das Ausströmen durch die Nase. Oder: Wir spüren, wie die Leibwand unter unseren Händen sich weitet und dann im Ausatmen wieder zurückschwingt. Summen? Wir tun nichts. Wir sind achtsam und lassen es geschehen. Vielleicht: Stehen und mit den Armen um den Rumpf schwingen. Wir stehen am Anfang eines neuen Jahrhunderts. Und wir stehen vor dem Unfassbaren, dem wir ausgesetzt sind, mit allen grandiosen Aspekten und Möglichkeiten und eben auch Gefahren. Unfassbar. Meine lange Erfahrung in der Arbeit mit Menschen, mit dem Atem, sagt mir, dass hier ein großes Heilmittel in uns lebt, gerade gegen die Zerrissenheit und oft Grandiosität, die den Menschen unfassbar ist und sie aus ihrer Mitte herausreißt. Er, der Atem, ist ein Heilmittel, das uns immer wieder unsere Innerlichkeit, unsere Einheit herstellt und zeigt, ein tiefes Erfahrungswissen, dass wir im Anschluss sind und getragen von den Kräften des Höheren. Und dass wir uns diesen Kräften nur immer wieder mit aller Bewusstheit anvertrauen dürfen. Dann kann dieses Neue, das wohl auch das Wassermann-Zeitalter bringt, von wissenden, vorbereiteten, gestärkten Menschen genommen und gestaltet werden. Zum Abschluss lese ich Ihnen ein Gedicht von Kabir, einem indischen Mystiker des 15. Jhrh. vor: Oh, der du Mir dienst, wo suchest du Mich? Siehe, Ich bin bei dir. Ich bin weder im Tempel noch in der Moschee weder in der Kaaba noch auf dem Kailash. Weder bin Ich in Riten und Zeremonien noch in Yoga oder Entsagung Wenn du ein wahrhaft Suchender bist, wirst du Mich sogleich sehen, Mir begegnen in diesem Augenblick. Kabir sagt: Oh Sadduh! Gott ist der Atem allen Atems.